Seit Jahren überlege ich, ob der Begriff „Naturcoach“ wirklich das trifft, was wir mit unserer Arbeit tun. Vielleicht denken viele an etwas wie Systemisches Coaching oder NLP in der Natur. Das ist aber überhaupt nicht zutreffend. Naturgefährte ist jetzt eine viel bessere Beschreibung dessen, was in dieser Berufung passiert. Der Ausdruck „Naturgefährte“ steht für eine andere innere Einstellung, wenn es darum geht, Menschen zu begleiten. Eine Einstellung, die während der Ausbildung gewachsen ist und weit mehr umfasst als nur das Arbeiten mit Methoden.
Der Begriff „Gefährte“ geht auf das Althochdeutsche zurück: gi-fara → der, der mitgeht, vom Verb „fahren“ im ursprünglichen Sinn: → sich fortbewegen, unterwegs sein, einen Weg teilen
Entscheidend ist: „fahren“ bedeutete früher nicht steuern oder kontrollieren, sondern sich gemeinsam auf den Weg machen. Ein Gefährte ist also kein Führer, kein Lenker und erst recht kein Besserwisser. Er ist die Person, die für eine gewisse Zeit denselben Weg und die gleiche Strecke teilt. Denk nur an die berühmten literarischen Weggefährten: Patroklos für Achilles, die Ritter der Tafelrunde für König Artus, Sam für Frodo, Ron und Hermine für Harry Potter oder Dr. Watson für Sherlock Holmes. Etymologisch gesehen vereint „Gefährte“ also drei starke Qualitäten:
Ein Naturgefährte versteht sich daher nicht als jemand, der Prozesse lenkt, Lösungen anbietet oder Entwicklungen beschleunigt. Er geht einfach mit, ohne viel Aufhebens. Er ist jedoch echt, präsent und ansprechbar für das, was gerade entsteht. Er ist bereit, sich als Teil der Natur und des Prozesses zu sehen. Ein Naturgefährte ist immer auch ein Lernender; auf diesem Weg sind sowohl die Natur als auch der Mensch Lehrmeister.
Das, was einen Naturgefährten ausmacht, kann man weniger mit Techniken, Tools und Methoden beschreiben, sondern vielmehr mit einer inneren Haltung. Unter Haltung verstehe ich, wie man diesen Planeten, das Leben und das Menschsein betrachtet und ihnen begegnet. Für mich hat das auf keinen Fall irgendetwas mit Moral oder Gut/Böse Bewertungen zu tun. Erfahrung, Selbstreflexion und das wiederholte Engagement in reale, unplanbare Prozesse, die man oft nicht kontrollieren kann, tragen dazu bei, diese Haltung zu entwickeln. Ein Naturgefährte lauscht geduldig, ohne voreilig zu deuten. Er nimmt wahr, ohne es sofort einordnen zu müssen. Er ist Raumhalter, ohne ihn zu füllen. Und er bleibt in der Beziehung, selbst wenn Unklarheiten auftreten.
Sie ist nicht einfach zu halten. Sie erfordert Selbstkenntnis, emotionale Stabilität und die Fähigkeit, mit den eigenen Unsicherheiten umzugehen. Deshalb ist die Ausbildung zum Naturgefährten kein Schnellformat und kein Online-Angebot; es ist ein Weg, der Zeit und lebendige Begegnungen braucht.
Naturgefährten sind keine Survival-Cracks, keine Experten für Heilpflanzen und auch keine Pädagogen. Naturgefährten übernehmen nicht die Rolle von Diagnostikern. Sie nutzen keine Labels. Sie untersuchen keine Persönlichkeiten. Und sie sind keine Garantien für schnelle Lösungen. Sie sind auch keine Techniker, die Methoden anwenden, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Sie sehen sich nicht als die Autorität über den Prozess eines anderen Menschen. Es ist wichtig, diese Abgrenzung zu schaffen, weil sie den Raum schützt, in dem echte Erfahrung stattfinden kann. Sie sind liebevoll, wild, intuitiv, echt, kreative Improvisationstalente und einfach präsent.
Die Vision hinter dem Begriff „Naturgefährte“ ist einfach und zugleich weitreichend: Menschen wieder in Beziehung zu bringen. Zu ihrem Körper. Zu ihrer inneren Stimme. Zu ihrer Umwelt. Und zu dem, was sie als sinnvoll erleben.
In einer Zeit, in der vieles beschleunigt, optimiert und kontrolliert werden soll, steht der Naturgefährte für Entschleunigung, Präsenz und echte Begegnung, immer mit einem Hauch natürlicher Mystik im Gepäck.
Ein Naturgefährte ist kein Coach im klassischen Sinne. Er ist ein Begleiter auf Augenhöhe, der mit der Natur in Beziehung steht und Menschen dabei unterstützt, ihren eigenen Weg wieder wahrzunehmen und zu gehen.