Der Schatten

SCHATTENARBEIT

Eine italienische Geschichte zum Schatten-Thema

Schattenarbeit

Schattenarbeit wird manchmal falsch verstanden: Es ist keine schwarze Magie, sondern die Beschäftigung mit dem, was C.G. Jung „Der Schatten“ nannte. Seine Aussage bezog sich auf alles, was wir an uns selbst ablehnen und ins Unbewusste verdrängen. Es ist zwar nicht weg, aber es gärt im Verborgenen und kommt dann zum Vorschein, wenn wir es am wenigsten brauchen. Schattenarbeit beleuchtet all diese Aspekte und nimmt die abgelehnten Anteile in eine geheilte Form auf. Alles, was mit dem Verdrängen nicht mehr zugänglich war, wird durch die Wiederverfügbarkeit aller Kräfte wieder verfügbar. Die folgende Erzählung berichtet darüber, wie wir mit unseren Schatten umgehen.

Eine Geschichte über den Schatten

Im italienischen Städtchen Gubbio lebten sehr stolze Leute. Ihr Städtchen war blitzsauber, die Straßen waren gekehrt und die Häuser alle strahlend weiß gekalkt. Doch die Leute von Gubbio blickten von ihrem Berg mit Verachtung auf die Ortschaften in der Ebene hinunter. Sie hielten die Einwohner da unten für schmutzig und abstoßend.

Doch siehe, im Schutz der Nacht schlich sich ein Ungeheuer nach Gubbio und verschlang zwei seiner Bewohner. Die gesamte Bevölkerung wurde entsetzlich verschreckt. Zwei tapfere junge Männer erboten sich, das Ungeheuer zu töten. Mit gezückten Schwertern lauerten sie ihm auf. Aber am nächsten Morgen fand man nur noch ihre kläglichen Reste.

Allgemeine Panik griff um sich, und es kam heraus, dass es ein riesiger Wolf war, der nachts auf Beute zog. Der Stadthalter beschloss, einen Heiligen zu Hilfe zu rufen, der dafür bekannt war, mit Tieren sprechen zu können. Dieser Heilige war Franz von Assisi. Er begab sich tief in den Wald hinein, um mit dem Wolf zu sprechen, der derart Übles wirkte.

Am nächsten Tag wartete die Menge auf dem Marktplatz und begrüßte unter Jubel den wiederkehrenden Franz. „Leute von Gubbio, ihr müsst von jetzt an Eurem Wolf immer etwas zu fressen geben.“ Ohne weitere Erklärung verschwand er wieder.

Zuerst waren die Leute darüber ziemlich verärgert. Ihre Angst vor dem Wolf wich der Enttäuschung und dann der Wut über diesen unnützen Heiligen. Schließlich wandelten sie doch noch ihren Sinn und legten vor den Stadttoren eine Lammkeule nieder und genauso an den folgenden Abenden. Von da an starb niemand mehr aus Gubbio wegen des Wolfs. Zudem legten sie ihre überhebliche und verächtliche Art gegenüber den Ortschaften der Ebene ab. Die Anwesenheit eines Wolfs in ihrem schönen Städtchen hatte sie demütiger werden lassen.

(Italienische Legende)

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